Morgen­land

Im türkischen Düzce, zwischen den Metropolen Ankara und Istanbul gelegen, entstand 2016 das neueste Werk von SAF-HOLLAND. Damit schafft der Zulieferer die Voraus­setzung für das in der „Strategie 2020“ formulierte Ziel, vom künftigen Wachstum der Transport­industrie in neuen aufstrebenden Länder­märkten zu profitieren. Trotz der derzeit fordernden Situation und ausgeprägteren Markt­schwankungen auf einigen Regional­märkten des Nahen und Mittleren Ostens, bieten sich in der bevölkerungs­reichen Region interessante Perspektiven, auf die es sich vorzubereiten gilt.

Düzce / Ankara
Türkei
Produktionsstätte
Türkei-Geschäftsführer Bilal Azizoglu
Keine Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden

Haselnussplantagen, so weit das Auge reicht. Drei von vier Haselnüssen, die auf der Welt geerntet werden, stammen aus der Türkei. Die Region um die Stadt Düzce, zehn Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt, im Sommer sehr warm, im Winter frostig kalt, gehört zu den bevorzugten Anbaugebieten. Doch nicht das Klima, sondern die strategisch günstige Lage auf halber Strecke zwischen Ankara und Istanbul hat Bilal Azizoglu hierher geführt. Denn unter seiner Regie entstand im Jahr 2016 hier, direkt an der Verkehrsader gelegen, das erste Werk von SAF-HOLLAND in der Türkei, das im ersten Quartal 2017 bereits die Serienproduktion aufnimmt. Bis 2018 sollen 35.000 Achssysteme pro Jahr das Werk verlassen.

„Die Türkei ist für Europa die Brücke in den Nahen und Mittleren Osten.“ Bilal Azizoglu, Geschäftsführer SAF-HOLLAND in der Türkei

SAF-HOLLAND investiert damit in einen wachsenden Markt. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Türkei zu einem der vitalsten Produktionszentren für die europäische Nutzfahrzeugindustrie entwickelt. Zuerst kamen die Hersteller von Omnibussen, deren Endmontage aufgrund der individuellen Ausstattung sehr arbeitsintensiv ist. Mittlerweile werden auch schwere Nutzfahrzeuge und die zugehörigen Trailer immer häufiger in der Türkei gefertigt. Im bisherigen Rekordjahr 2015 verließen 275.000 Nutzfahrzeuge die Fabriken, hinzu kamen rund 25.000 Trailer. „Der türkische Staat hat in den letzten zehn Jahren massiv in die Infrastruktur investiert“, begründet Azizoglu die Investitionsentscheidungen seiner Kunden. „Ob Kommunikationsnetze oder Autobahnen, durch das ganze Land ging ein Modernisierungsschub.“ Doch die guten Randbedingungen, zu denen auch eine gezielte Förderung durch das Wirtschaftsministerium gehört, sind nur ein Aspekt. „Die Türkei ist für Europa die Brücke in den Nahen und Mittleren Osten“, sagt Azizoglu. Das betrifft vor allem die Fahrzeughersteller in der Erstausrüstung: Von hier aus beliefern sie beispielsweise die arabische Halbinsel, die bis 2015 einen Bauboom erlebte, der eine entsprechend hohe Nachfrage nach schweren Nutzfahrzeugen mit sich brachte. Für die Zukunft könnte der iranische Markt eine größer werdende Rolle spielen. „Natürlich hängt das Wachstum im Iran auch von der weiteren politischen Entwicklung ab“, sagt Azizoglu. „Doch das Aufholpotenzial, das dieses Land mit mehr als 75 Millionen Einwohnern besitzt, ist gewaltig.“ Das zeigen auch die Zahlen der Weltbank, die dort für 2017 mit einem Wirtschaftswachstum von 4,6% rechnet. Der Fünf-Jahres-Plan der iranischen Regierung weist sogar ein jährliches Wachstumsziel von 8 % aus. Eine internationale Drehscheibe stellt die Türkei aber auch für die Transportbranche dar. „Hier werden beispielsweise Nahrungsmittel für die gesamte Region produziert“, erläutert Azizoglu. „Die müssen natürlich transportiert werden – idealerweise auf dem Landweg.“ Momentan allerdings darbt das Gewerbe, der Krieg in Syrien versperrt eine der wichtigsten Routen. „Auch das ist nur eine Frage der Zeit“, zeigt sich Azizoglu optimistisch.

Im neuen Werk
Produktionsanlauf nach nur einem Jahr

Keine Zeit ließ sich hingegen SAF-HOLLAND mit dem Aufbau des neuen Werks, der nur rund ein Jahr in Anspruch nahm. „Wir Türken sind schnell und pragmatisch“, sagt Azizoglu, der selbst in Schleswig-Holstein geboren wurde und später in Ankara studierte. Es war aber nicht nur eine Mentalitätsfrage, sondern auch die gute Zusammenarbeit zwischen dem Stammsitz in Bessenbach und den Kollegen vor Ort, die rasches Handeln ermöglichte. „Wir konnten das komplette Produktionskonzept per plug-and-produce übertragen“, erläutert Arne Jörn, der als Chief Operating Officer für das weltweite Produktionssystem von SAF-HOLLAND verantwortlich ist. Die Maschinen und Anlagen für Düzce wurden neu beschafft und in Deutschland für den Produk­tionseinsatz konfiguriert. Erfahrene Mitarbeiter aus Bessenbach, teilweise selbst türkischer Herkunft, helfen bei der Einrichtung im neuen Werk – und bei der Schulung neuer Mitarbeiter, die zum Teil wiederum zeitweise in den Spessart geschickt werden. Die Projektleitung teilten sich Jörn und Azizoglu, jede Woche besprachen sie alle offenen Punkte bis ins Detail, bis hin zur Sanierung der ange­mieteten drei Jahre alten Werkshalle, die zunächst nicht alle Anforderungen von SAF-HOLLAND erfüllte. Eine der größten Herausforderungen war ein Prozessschritt, der in Deutschland in die Achsfertigung integriert ist: die kathodische Tauchlackierung, die die Grundlage für den Korrosionsschutz bildet. Da die dafür benötigten Anlagen relativ viel Kapital binden, hätte sich eine Duplizierung des Prozesses in Düzce nicht gelohnt. Nach gemeinsamer Suche fand sich schließlich ein geeigneter Dienstleister in der Region.

„Wir konnten das komplette Produktionskonzept per plug-and-produce übertragen.“ Arne Jörn, Chief Operating Officer von SAF-HOLLAND

Mitarbeiter zu finden, war hingegen keine allzu schwere Aufgabe. „In der Türkei wird die Nutzfahrzeugindustrie als wachsende Zukunftsbranche betrachtet“, erläutert Azizoglu. „Als multinationales Unternehmen ist SAF-HOLLAND für Arbeitnehmer besonders interessant.“ Bereits eine Woche nach der ersten Online-Ausschreibung lagen 150 Bewerbungen vor – nicht alle waren geeignet, doch nach einem strengen Auswahlprozess war die Startmannschaft bald beisammen. Für Schlüsselpositionen, etwa in der Produktionsleitung oder im Qualitäts­management, konnten erfahrene Personen aus der Automobilindustrie gewonnen werden.

Kundendialog
Die Türkei hat sich zu einem Zentrum der Nutzfahrzeugindustrie entwickelt

Bei den türkischen Kunden hat es sich bereits herumgesprochen, dass SAF-HOLLAND nun auch vor Ort fertigt. „Die erste Reaktion war immer: Ab wann könnt ihr liefern?“, berichtet Azizoglu. Durch die kürzeren Transportwege steigt die Lieferflexibilität erheblich, gerade im Trailergeschäft ein wichtiger Vorteil. Vergingen früher zwischen Bestelleingang in Bessenbach und Auslieferung in die Türkei zwei bis drei Wochen, so soll die Zeit nun auf zwei bis drei Tage sinken. „Zudem gewinnen wir insgesamt Kapazität für den europäischen Markt und können so die Lieferzeiten auch für unsere europäischen Kunden reduzieren“, ergänzt Jörn. Auch das Servicegeschäft mit den türkischen Kunden profitiert vom neuen Standort, der mit einer bebauten Gesamtfläche von etwa 1,3 Hektar deutlich mehr Platz bietet als der bisherige Standort in Istanbul. Das Aftermarket-Lager ist bereits an den neuen Standort um­gezogen. „Auch hier können wir künftig noch flexibler auf Kundenanfragen reagieren“, verspricht Azizoglu.

Das neue Werk:

35000Achsen

im Jahr sollen zukünftig das Werk in Dücze verlassen.

2-3Tage

Lieferzeit erhöhen die Flexibilität für regionale Kunden.

Waren es einst sagenhafte Schätze, die das osmanische Reich zum Handelszentrum der Welt machten, so will die Türkei heute die Brücke für den Warenaustausch zwischen Europa und dem Nahen und Mittleren Osten werden. Ob Gold, Maschinenteile oder auch nur Haselnüsse: Gemeinsam ist allen Waren, dass sie transportiert werden müssen. Auf Achse natürlich. Gute Voraussetzungen für das neue Werk von SAF-HOLLAND.

Schneller liefern
Auch die Teile für das Ersatzteilgeschäft kommen künftig aus Düzce

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